Erntedank

Erntedank

Zur Überbrückung der Wartezeit bis zum Erscheinen meines Romans, habe ich am Sonntag eine Vorgeschichte zum Roman gelesen. Im Rahmen der von der Stadt Hennef organisierten Lesung „Literatur in der Fabrik“ haben wir (die Literaturwerkstatt Hennef) Kurzgeschichten zum Thema Zeitreisen gelesen. Musikalisch begleitet wurden wir von der tollen Knallblech-Brassband der Hennefer Musikschule.

 

Hier ein Auszug aus meiner Kurzgeschichte „Erntedank“:

Zum wiederholten Mal glitt Bauer Pauls Blick zur Tür. „Wo treibt sich Reinhard denn schon wieder rum?“
Niemand antwortete ihm. Weder seine beiden Jüngsten, die mit ihm am Küchentisch hockten noch seine Frau Maria. Sie widmete ihre volle Aufmerksamkeit dem Ofen. Der Hasenbraten, den sie gerade aus dem Ofenfeuer gezogen hatte, verströmte einen betörenden Duft. Dampf stieg ihr ins Gesicht und sie wedelte mit einem Handtuch, um ihn zu vertreiben. Heute würde es ein Festmahl geben.
Aber da gehörte es sich doch, dass die Familie sich vollständig versammelte.
Vater Pauls schlug mit flacher Hand auf den Tisch, so dass das gute Geschirr hochsprang. „Thomas, antworte mir gefälligst. Wo ist dein Bruder?“
Der Junge hob den Kopf und kam der Aufforderung seines Vaters nicht ohne ein wenig Genugtuung nach. „Der ist runter nach Dondorf.“ – „In die Schenke.“
„Was denkt er, wer er ist? Er hat gefälligst mit seiner Familie das Ende der Ernte zu feiern.“
Mutter Pauls hob Topf samt Braten mit einem Seufzer hoch und stellte ihn unsanfter als gewöhnlich auf dem Tisch ab.
„Nun lass den Jungen mal. Er hat bei der Ernte geschuftet wie zwei. Und ich erinnere mich gut daran, dass du in seinem Alter nicht anders warst.“ Sie zog eine Augenbraue hoch und schenkte ihrem Mann ein Lächeln.
Karl Pauls Gesichtszüge wurden sanft. „Ja, ja. Hast ja recht, Mutter. Selbst schuld der Bub, wenn er sich diesen Braten entgehen lässt.“ Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Die Ernte war gut gewesen. Der Schuppen bis zum Bersten voll. Sie würden dieses Jahr keine Probleme haben, die Pacht zu leisten und es wäre noch genug für den Winter übrig. Endlich konnte im Hause Pauls einmal reichlich aufgetischt werden. Vater Pauls lehnte sich zufrieden zurück, bis er sah, dass sein Jüngster den Finger in den Gemüsesud eintauchte und ableckte. „Thomas, zuerst das Tischgebet!“
Der Junge zog den Finger schnell zurück.
Karl wartete bis alle ihre Hände gefaltet hatten und hob zu einem Dankgebet an.
Was war das?“, unterbrach ihn Thomas.
Seine Schwester stieß ihn unter dem Tisch an und zischte „Psst.“
„Aber da war doch was.“ Der Junge ließ sich nicht beirren. Jetzt hob auch Vater Pauls den Kopf. Dann hörten sie es alle. Berstendes Holz. Es knirschte und knackte. Die Kuh gab ein kreischendes Muhen von sich.
„Feuer!“ Karl Pauls sprang auf. Sein Stuhl fiel klappernd nach hinten weg. Er riss die Tür auf und rannte hinaus, Thomas lief hinterher. Mutter und Tochter blickten sich mit weit aufgerissenen Augen an und folgten den beiden nach draußen.
Rauch quoll ihnen im Hof entgegen. Dahinter züngelten Flammen aus der Scheune empor. Karl war schon am Scheunentor. Seine Stimme war unnatürlich hoch, in seiner Kehle kratzte es, Tränen liefen ihm aus den Augen. „Thomas, komm.“ Er winkte ihm zu. „Maria zum Brunnen, nimm Mechthild mit. Wir brauchen Wasser.“ Er duckte sich, hielt seine Hände vor die Augen und lief hinein …

 


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